Ernst Thälmann
Aus dem Referat auf der Tagung des ZK der KPD im Sporthaus Ziegenhals
Aus dem Referat auf der Tagung des ZK der KPD im Sporthaus
Ziegenhals (1)
7.Februar 1933
Genossen!
Die Bedeutung der heutigen Konferenz ergibt sich schon aus der
Tatsache, daß zweifelsohne durch die Bildung der Hitlerregierung eine solche
Zuspitzung des Klassenkampfes eingetreten ist, wie wir sie seit 1918 kaum mehr
zu verzeichnen hatten ...
Das Proletariat und die Werktätigen der ganzen Welt blicken
auf uns und [auf] das deutsche Proletariat. Die russischen Arbeiter und Bauern
blicken auf uns. Die kommunistischen Bruderparteien in Frankreich, in der
Tschechoslowakei, Holland und überall haben glänzend ihre Solidarität mit dem
schweren Kampf des [deutschen] Proletariats verkündet. Die deutsche Partei hat
einen wichtigen Schlüssel für den revolutionären Aufschwung in ganz Europa in
ihrer Hand. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Jetzt droht der Staatsstreich.
Jetzt droht die Vernichtung der Partei. Jetzt sind in höchstem Grade
entscheidende Wochen.
Der Kampf, der vor uns liegt, ist der schwerste, den die Partei
zu bestehen hat. Er kann nicht verglichen werden mit den Jahren seit 1923. Er
gibt jedem Kommunisten eine noch höhere Verantwortung als selbst in der
damaligen Situation. Unmittelbar müssen wir die Offensive ergreifen, dann haben
wir die Chance für uns.
Um uns ein klares Bild über die neue Situation, ihre klassenmäßigen
Hintergründe und die weiteren Perspektiven zu machen, will ich jetzt zunächst
versuchen, die Faktoren anzuführen, die zur jetzigen Lage geführt haben.
(2)
Die andere Seite des Prozesses, die diesen Teilerfolgen der
Betrugsmanöver der Bourgeoisie gegenübersteht, ist der Fortgang und die
weitere Steigerung des revolutionären Aufschwungs, den Schleicher nicht
aufhalten konnte. Anfang Januar [1933] war es zweifelsohne vorübergehend der
Bourgeoisie, der SPD und den Nazis gelungen, uns die Offensive etwas aus der
Hand zu nehmen. Dann, im Zusammenhang mit der Bülowplatz-Provokation der
Hitlerbanden, vermochten wir, wieder in die Offensive überzugehen. Es zeigte
sich, welch eine Verschärfung des Klassenkampfes eingetreten ist. So, wie uns
die fünf bis sechs Tage BVG-Streik (3) im November ganz rasch an einen
Zustand revolutionärer Zuspitzung und höherer Form des Klassenkampfes
heranbrachten, so zeigte sich im Zusammenhang mit unserer Gegenoffensive gegen
die SA-Provokation Ende Januar erneut und noch gesteigert, daß der PROZEß DES
HERANREIFENS DER REVOLUTIONÄREN KRISE in Deutschland bereits soweit gediehen
ist, daß VERHÄLTNISMÄßIG KLEINE EREIGNISSE RASCH EINE STÜRMISCHE
BESCHLEUNIGUNG DER REVOLUTIONÄREN ENTWICKLUNG und eine außerordentliche Verschärfung
des Klassenkampfes herbeiführen können ...
Soviel über die Entstehungsgeschichte der Hitlerregierung.
Damit ist zugleich das Wichtigste über ihren Charakter und ihre Aufgaben
gesagt.
Das Kabinett Hitler-Hugenberg-Papen ist die OFFENE
FASCHISTISCHE DIKTATUR. Was die Zusammensetzung der Regierung anbetrifft, so
kann es in Deutschland eine weitere Steigerung in der Richtung des offenen
Faschismus kaum mehr geben. Wohl aber gibt es in den Methoden dieser Regierung
der offenen faschistischen Diktatur noch eine ganze Reihe von Steigerungsmöglichkeiten.
Jeder Zweifel darüber, daß diese Regierung vor irgendwelchen balkanischen
Methoden (4) des äußersten Terrors zurückschrecken würde, wäre sehr
gefährlich.
ES IST DER BOURGEOISIE ERNST DAMIT, DIE PARTEI UND DIE GANZE
AVANTGARDE DER ARBEITERKLASSE ZU ZERSCHMETTERN. Sie wird deshalb kein Mittel
unversucht lassen, um dieses Ziel zu erreichen. Also nicht nur Vernichtung der
letzten spärlichen Rechte der Arbeiter, nicht nur Parteiverbot, nicht nur
faschistische Klassenjustiz, sondern alle Formen des faschistischen Terrors; darüber
hinaus: Masseninternierung von Kommunisten in Konzentrationslagern, Lynchjustiz
und Meuchelmorde an unseren tapferen antifaschistischen Kämpfern, insbesondere
an kommunistischen Führern - das alles gehört mit zu den Waffen, deren sich
die offene faschistische Diktatur uns gegenüber bedienen wird.
Schon die ersten Tage der Hitlerregierung beweisen den ganzen
TIEFEN ERNST DER SITUATION. Es wäre ein Verbrechen, irgendwelche legalistischen
Illusionen in unseren Reihen zu dulden. Wir müssen in der ganzen Arbeiterklasse
darüber Klarheit schaffen, daß es wahrscheinlich keine andere Art der Ablösung
dieser Regierung geben kann als ihren revolutionären Sturz.
Das bedeutet nicht, daß der Sturz der Hitlerregierung und der
Sieg der proletarischen Revolution unbedingt ein und dasselbe sein muß. Wir
stellen die Frage des Kampfes für den Sturz der Hitlerregierung, die Frage der
Beseitigung der Hitler-Hugenberg-Regierung als UNMITTELBARE AUFGABE. Wir stellen
sie in jeder Stunde, wir stellen sie HEUTE, wir stellen sie MORGEN, ÜBERMORGEN,
wir stellen sie in den nächsten Wochen und Monaten, ohne daß wir unter allen
Umständen zu 100 Prozent sagen können, daß, wenn uns der Sturz der
faschistischen Diktatur gelingt, dies schon mit dem SIEG der proletarischen
Revolution DIREKT verbunden ist. Das müssen wir so scharf sagen, weil wir den
heftigsten Feldzug ideologischer Art in den Massen GEGEN JEDE THEORIE DES "ABWIRTSCHAFTENLASSENS"
der Hitlerregierung führen müssen. Diese Feststellungen schließen jedoch -
ich betone das noch einmal - keineswegs aus, daß der Kampf zum Sturz der
Hitlerregierung gleichzeitig in den KAMPF UM DIE VOLLE MACHT DES PROLETARIATS
umschlagen kann.
Hier darf es kein Schema geben, sondern nur eine dialektische
Betrachtung. Weder legen wir uns darauf fest, die Hitlerregierung ERST in dem
Augenblick zu stürzen, wo die Situation schon FÜR DEN VOLLEN SIEG DER
PROLETARISCHEN REVOLUTION REIF ist, noch lassen wir außer Betracht, daß, wie
die Beschlüsse des XII. Plenums (5) ganz klar sagen, die FRISTEN DES
REVOLUTIONÄREN AUFSCHWUNGS und für die volle Entfaltung der revolutionären
Krise HEUTE VIEL KÜRZER sind als in den bisherigen Abschnitten der Geschichte
des proletarischen Klassenkampfes.
Der wüste faschistische Terror in Deutschland, dem wir jetzt
entgegengehen, ändert nichts an unserer revolutionären Perspektive. Sowenig
wir eine UNTERSCHÄTZUNG DER HITLERREGIERUNG, der furchtbaren GEFAHR, die der
Arbeiterklasse Deutschlands von der offenen faschistischen Diktatur droht,
dulden, sowenig lassen wir eine Überschätzung dieser Regierung, ihrer
FESTIGKEIT und WIDERSTANDSFÄHIGKEIT gegenüber dem Proletariat zu. (6)
Was ist die Bilanz unseres bisherigen Kampfes gegen die
faschistische Diktatur? Wir waren nicht imstande, die Aufrichtung der
faschistischen Diktatur bis zur heutigen offenen faschistischen Diktatur zu
verhindern, obwohl wir den Kampf der Massen dafür organisiert haben. Das ist
gewiß eine ernste negative Feststellung.
Aber umgekehrt können wir sagen, daß wir den faschistischen
Kurs der Bourgeoisie empfindlich gestört haben. Wir haben sie dabei
aufgehalten, stellenweise sogar zurückgeworfen, wie bei der Sprengung der
Papen-Regierung. Zu dieser positiven Einschätzung unserer wachsenden Kampfkraft
und damit der wachsenden Kampfkraft der Arbeiterklasse Deutschlands sind wir
berechtigt, ohne unsere Schwächen zu übersehen. Eine solche positive Einschätzung
muß der Ausgangspunkt für unsere höhere revolutionäre Aufgabenstellung sein.
Wenn wir nicht mehr erreichen konnten, so deshalb, weil wir den
Einfluß der SPD- und ADGB-Führer sowie der christlichen Gewerkschaftführer
auf breite Arbeitermassen nicht in dem erforderlichen Maße zu liquidieren
vermochten. Uns hemmten in diesem Kampf die Mängel unserer Gewerkschaftsarbeit,
Betriebsarbeit, die Mängel bei der Anwendung der Einheitsfront (7) und im
prinzipiellen Kampf gegen die sozialdemokratischen Betrugsmanöver. Wir haben in
der Vergangenheit nur insoweit Erfolge im Kampf gegen die faschistische Diktatur
erzielen können, wie es uns gelang, diese Mängel zu überwinden und damit zur
Durchführung der Beschlüsse des XII. Plenums, unseres Februarplenums (8)
und der 3. Reichsparteikonferenz (9) zu gelangen.
Wie ist die Lage heute gegenüber der Hitlerregierung?
Wir riefen bei ihrer Machtübernahme zum Streik, zum
Massenstreik, Generalstreik auf. Gleichzeitig mit der unmittelbaren
Mobilisierung der Massen von unten für diese Losungen richteten wir ein
Einheitsfrontangebot an die SPD, den ADGB, [den] AfA-Bund und die christlichen
Gewerkschaften in der Linie der konkreten Aufforderung, gemeinsam mit uns den
Generalstreik durchzuführen. Wir führten also in dieser besonderen Situation
eine kombinierte Einheitsfrontpolitik von unten und oben durch.
Wir hatten in der Mobilmachung der Massen Erfolge bezüglich
der Durchführung von Demonstrationen und des wehrhaften Massenkampfes gegen den
faschistischen Mordterror. Streiks jedoch konnten wir nur in geringerem Umfange
auslösen. Wir müssen deshalb die Frage beantworten, ob trotzdem unsere Losung
richtig war. Die Antwort kann nur bejahend sein. (10)
Müssen wir also wegen des bisherigen Ausbleibens größerer
Streiks in einen tiefen Pessimismus verfallen? Keineswegs! Wenn auch die
Erwartungen größer waren als die Tatsachen, so gibt es doch keine
Depressionsstimmungen größeren Umfanges in den Massen, sondern eine wachsende
Kampfstimmung. Das, was sich gegenwärtig in ganz Deutschland abspielt, die täglichen
Demonstrationen, Zusammenstöße, Kampfhandlungen in allen Teilen des Reiches,
ist der beste Ausdruck dafür, wie geladen, wie gespannt von revolutionären
Energien die ganze Atmosphäre ist.
Wenn in ganz Deutschland kein Tag vergeht, wo nicht an ein paar
Stellen Feuergefechte zwischen faschistischen Terrorbanden und der
Arbeiterschaft stattfinden, sei es mit Kommunisten oder Reichsbannerleuten, so
sind das bestimmte Elemente des Bürgerkrieges, die wir sehen und bei unserer
Beurteilung der Lage und der Aufgaben berücksichtigen müssen.
Elemente des Bürgerkrieges - das ist eine sehr ernste
Feststellung. Denn wir gebrauchen solche revolutionären Worte nicht in der Art,
wie es einst Heinz Neumann tat, der seine opportunistische Politik mit überspitzten,
scheinradikalen Phrasen verbrämte. Gerade die Vermeidung von scheinradikaler,
überspitzter Phraseologie gibt uns jetzt um so mehr die Gelegenheit, angesichts
des Ernstes der Situation mit voller Autorität der Partei in den Massen die außerordentliche
Verschärfung der Lage klarzustellen. Wir müssen alle Unklarheiten und
Schwankungen in der Partei in dieser Frage überwinden. Wenn unsere Kader die
politischen Momente der neuen Entwicklung richtig verstehen würden, wäre der
Grad des revolutionären Vormarsches bereits viel weiter, als es jetzt der Fall
ist. Die Bourgeoisie hat dem Proletariat den Bürgerkrieg erklärt. Wir sind uns
des Ernstes der Situation und der ganzen Verantwortungsschwere bei dieser
Feststellung für die Partei bewußt.
Aber wir müssen diese Dinge sehen. Denn in ihnen drückt sich
eine sehr wichtige Erscheinung aus: Wir haben wieder einmal starke Erscheinungen
des Zurückbleibens hinter den Massen. Man braucht diese Schwächen der
Parteiorganisation nicht zu schwarz zu sehen, aber man muß die Augen aufmachen,
um sie rechtzeitig liquidieren zu können.
Worauf kommt es jetzt vor allem an? WIR MÜSSEN ERREICHEN, DAß
DIE KETTE DER MASSENAKTIONEN UND MASSENKÄMPFE GEGEN DIE FASCHISTISCHE DIKTATUR
IN GANZ DEUTSCHLAND NICHT MEHR ABREIßT. Der revolutionäre Brand muß stets an
anderen Stellen wieder verstärkt aufflackern und sich entzünden, wenn er an
einer anderen Stelle vorübergehend erstickt wird, bis keine Feuerwehr mehr
hilft, diesen revolutionären Brand zu löschen. So müssen wir dazu kommen, die
Organisierung ununterbrochener Massenaktionen des Proletariats in allen Formen,
auf allen Gebieten in die Wege zu leiten. Dabei würde die Vernachlässigung der
Verteidigung der wirtschaftlichen Interessen der Arbeiter und aller übrigen
werktätigen Schichten eine fast ebenso schwere Gefahr bedeuten wie vor allem
jeder Ökonomismus, das heißt die Vernachlässigung des politischen Kampfes
gegen die Diktatur der Bourgeoisie.
Das ist es, was wir für ganz Deutschland, aber auch für jeden
einzelnen Bezirk als Aufgabe stellen: EINE KETTE UNUNTERBROCHENER, MITEINANDER
VERFLOCHTENER UND SICH GEGENSEITIG ABLÖSENDER AKTIONEN, DIE ENTFALTUNG ALLER
FORMEN DES MASSENWIDERSTANDES UND MASSENKAMPFES GEGEN DIE FASCHISTISCHE
DIKTATUR. Das ist die entscheidende Aufgabe im Kampf um die proletarische
Mehrheit wie im Kampf für die Verwirklichung der Hegemonie des Proletariats über
die übrigen werktätigen Massen. Ich möchte in diesem Zusammenhang ein außerordentlich
interessantes Zitat in diesem Zusammenhang aus der Zeit des revolutionären
Aufschwunges in Rußland um 1912/1913 anführen, das für unsere Situation sehr
lehrreich ist. Lenin schreibt im Januar 1913:
"Die Arbeiter werden ihr ganzes Augenmerk darauf richten,
den spontan wachsenden revolutionären Streik zu unterstützen, zu verstärken,
zu entwickeln, ihn BEWUßT voranzutreiben, um die Bauern und die Truppen auf den
Aufstand vorzubereiten. Wenn die Streiks die Arbeiter entkräften, muß man sie
abwechselnd durchführen, indem man die einen ausruhen läßt und die, die sich
erholt haben, oder 'frische' Kräfte in den Kampf führt. Man muß kürzere
Streiks organisieren. Manchmal muß man Streiks durch Demonstrationen ersetzen.
Aber das Wichtigste ist, daß die Streiks, die Kundgebungen, die Demonstrationen
nicht abreißen, daß die ganze Bauernschaft und die ganze Armee von dem
beharrlichen Kampf der Arbeiter erfahren, daß das Dorf, selbst das entlegenste,
sieht, daß in den Städten Unruhe herrscht, daß sich 'IHRE LEUTE' erhoben
haben." (11)
Die Anwendung einer solchen Taktik des unablässigen Kampfes,
der ununterbrochenen Massenaktionen stellt uns gerade die Aufgabe, alles
daranzusetzen, um möglichst rasch die vielen Teilaktionen und Teilkämpfe zum
großen, umfassenden Massenstreik, ja zum Generalstreik zu steigern.
In diesem Zusammenhang, Genossen, eine ernste Erwägung: Falls
die Reichstagswahlen vom 5. März den Nationalsozialisten, vor allem auf dem
Lande und vielleicht auf Kosten der Deutschnationalen, ein mehr oder weniger günstiges
Resultat bringen würden, ist es sehr wahrscheinlich, daß die Hitlerpartei eine
solche Stimmung für weitere faschistische Staatsstreichaktionen zur Festigung
und Erweiterung ihrer Macht ausnutzen wird. Wir haben Kenntnis von den Plänen
der Nationalsozialisten, einen Marsch auf Berlin im Anschluß an den 5. März
durchzuführen. Mit einer solchen Konzentration ihrer eigenen Militärformationen
wollen sich die Nazis mehr oder weniger unabhängig von den deutschnationalen
Regierungskollegen und auch von der Reichswehr und Polizei machen, um diese
legalen Machtinstrumente des Staates so gut wie restlos unter ihren Einfluß zu
bringen.
Man muß sehen, daß die zwangsläufig entstehenden
Zersetzungserscheinungen in den Exekutivorganen, vor allem in der Polizei,
solange diese noch nicht vom Hitlerfaschismus durchdrungen und von ihm
assimiliert sind, eine bestimmte Erleichterung für unseren Kampf darstellen.
Gelingt den Nazis mit Hilfe eines solchen Marsches auf Berlin oder anderer
weiterer faschistischer Staatsstreichaktionen die Durchführung solcher Pläne
zur Säuberung und Faschisierung der Exekutivorgane und zur Festigung ihrer
Machtpositionen, so verschlechtert das die Kampfsituation des Proletariats.
Eine solche Erwägung, Genossen, muß uns veranlassen, mit
allem Ernst daranzugehen, daß wir SCHON VORHER UND JEDENFALLS UNMITTELBAR GEGEN
SOLCHE WEITEREN FASCHISTISCHEN AKTIONEN DIE GANZE KRAFT DER PARTEI EINSETZEN, UM
DEN REVOLUTIONÄREN MASSENKAMPF GEGEN DEN FASCHISMUS ZUR HÖCHSTEN ENTFALTUNG ZU
BRINGEN.
Von größter Bedeutung ist es, die ganze Partei in einen
solchen Zustand zu bringen, daß sie sich in höchster Alarmbereitschaft
befindet, und jederzeit jeden geeigneten Anlaß zur Steigerung des Kampfes, zur
Auslösung von Massenstreiks bis zum Generalstreik auszunutzen. Also:
Wachsamkeit, Initiative, Fingerspitzengefühl für das Leben der Massen, um
jeden Augenblick die richtige Kampflosung propagieren zu können. RÜCKHALTLOSE
ENTFESSELUNG ALLER FORMEN DER POLITISCHEN UND WIRTSCHAFTLICHEN TAGESKÄMPFE UND
AKTIONEN, TEILKÄMPFE, TEILSTREIKS USW., FESTER, ENTSCHLOSSENER KURS AUF DEN
POLITISCHEN GENERALSTREIK!
Diese Linie, die wir in allen bisherigen Aufrufen des
Zentralkomitees mit der Losung: Streik - Massenstreik - Generalstreik! konkret
zusammengefaßt haben, gilt es, in der Praxis durchzusetzen. Das ist die Linie
unseres revolutionären Massenkampfes für den Sturz der Hitlerdiktatur. Mit
dieser Linie werden wir zugleich die inneren Widersprüche der Regierung, den in
ihr selbst aufgespeicherten Sprengstoff zur Entzündung bringen. (12)
Gegenüber solchen Genossen, die jetzt denken, die Partei wird
vielleicht noch vor den Wahlen verboten, also braucht man keinen Wahlkampf mehr
zu führen, müssen wir sagen, daß wir im Gegenteil die allerstärkste Aktivität
entfalten müssen. Wir müssen die Hitlerregierung vor den Massen als Regime des
faschistischen Terrors, der kapitalistischen Aushungerung und des
imperialistischen Krieges, als Regierung der Kapitalisten und Großgrundbesitzer
entlarven. Wir müssen die parlamentarischen, demokratischen und legalistischen
Illusionen in den Massen im schärfsten ideologischen Kampf gegen die betrügerischen
Parolen der SPD beseitigen. Wir müssen den Kampf um die sozialdemokratischen
Arbeiter zur Teilnahme an gemeinsamen Aktionen und Kämpfen gegen die
faschistische Diktatur auf stärkste steigern. Wir müssen überall den
gemeinsamen Massenselbstschutz aufziehen, einen Patrouillendienst in den
Arbeitervierteln, die Möglichkeit rascher Alarmierung der Arbeiterschaft gegen
faschistische Überfälle usw. organisieren. Wir müssen anläßlich des drohend
bevorstehenden Parteiverbots die Rolle der Partei immer deutlicher als der
einzigen Partei eines realen, positiven Auswegs aus der Krise, als der einzigen
Partei der Verteidigung der Interessen der werktätigen Massen herausarbeiten.
Wir müssen die Aktivität für den Schutz der Partei und der proletarischen Führer
zur Entfaltung bringen und eine solche Stimmung in den Massen schaffen, daß ein
Verbot der KPD von den Massen mit der Entfaltung der größten Kampfaktion
beantwortet wird. Wir müssen anläßlich des bevorstehenden Streikverbots die
Schaffung von illegalen betrieblichen Streikkassen endlich in die Tat umsetzen.
Wir müssen eine zündende Massenarbeit unter den Bauern, den
Kleinbauern und Landarbeitern entfalten, weil auf dem Lande die stärkste Basis
für die faschistische Diktatur und die Nazibewegung vorhanden ist. Wir dürfen
die Bauernmassen nicht den Nationalsozialisten überlassen, die unter ihnen
einen Siegestaumel zu erzeugen versuchen. Viele Bauern glauben trotz ihrer
trostlosen und elenden Lage gegenwärtig an die Hitler-Hugenberg-Regierung. Auch
hier gilt es für uns, wirkliche Aktionen der Bauern im Kampfe gegen den
Steuerwucher durchzusetzen, Massendemonstrationen vor den Finanzämtern und
weitergehende Kampfformen. Wir müssen unter diesen Massen der Dorfarmut, der
Zwerg- und Kleinbauern und auch der Mittelbauern eine breite Propaganda
entfalten, indem wir [vor] ihnen die Agrarpolitik der Hitler-Hugenberg-Regierung
als eine Politik ausschließlich zum Nutzen der Großagrarier entlarven, und
zugleich die Forderung popularisieren, die bei den großen Trusts und Konzernen
lagernden riesigen Vorräte an Waren des täglichen Lebensbedarfs, an
landwirtschaftlichen Gerätschaften und Maschinen, an chemischen Düngemitteln
usw. zu beschlagnahmen und unter der armen Bauernschaft aufzuteilen. Wir müssen
das Bündnis zwischen Stadt und Land, zwischen den kämpfenden Arbeitern und den
werktätigen Bauern schmieden. Wir müssen den armen Bauernmassen klarmachen, daß
nur im Bündnis mit dem Proletariat, nur unter proletarischer Hegemonie, nur im
Kampf gegen die Kapitalisten auch das Los der Bauern gebessert werden kann.
Wir müssen die größte Stoßkraft entfalten zur Gewinnung der
proletarischen und werktätigen Jugend aus der SAJ, aber sogar aus der
Hitlerjugend müssen wir einzelne und ganze Massen herüberreißen. Wir müssen
gegen die Zwangsarbeit, gegen die Zuchthauslager und die Kasernierung mit der
Arbeitsdienstpflicht (13), gegen die Militarisierung der Jugend Sturm
laufen.
Gegen die chauvinistische Kriegshetze und imperialistische
Kriegspolitik des Faschismus müssen wir die Massenpropaganda für den
proletarischen Internationalismus, für unsere Freiheitspolitik entfalten.
Wir müssen den Massen unser Programm zeigen als das Programm
des einzigen Auswegs aus Elend, Not und Unterdrückung, als Programm der
sozialen und nationalen Befreiung des deutschen Volkes. Wir müssen ihnen
zeigen, daß wir die Partei sind, die durch die Befreiung der Arbeiterklasse die
Einheit der Nation verwirklicht, indem sie das kapitalistische System bis zu
dessen Vernichtung bekämpft.
Das Wichtigste aber ist, daß sich bei allen unseren Kampfmaßnahmen
die Linie wie ein roter Faden hindurchzieht: Wir organisieren den aktiven
Massenkampf, die Einheitsfront der Tat zur Befreiung des werktätigen Volkes aus
faschistischer reaktionärer Knechtschaft. Alles, unser Kampf gegen die Nazis
und Deutschnationalen wie gegen SPD und Zentrum, muß von den Millionenmassen
als Teil dieses Kampfes gegen die faschistische Diktatur, gegen die
Hitlerregierung verstanden werden.
Zum Schluß, Genossen. Ich habe schon auf die außerordentliche
Beschleunigung des Tempos der revolutionären Entwicklung hingewiesen, wie es
mit der Aufrichtung der offen faschistischen Diktatur teilweise in Erscheinung
getreten und teilweise erst recht ausgelöst worden ist. Hieraus ergeben sich
ernste Konsequenzen. (14) Wir dürfen die heutige Arbeit der Partei nicht
gleichstellen mit der Arbeit vor drei oder sechs Monaten. Wir müssen die
Kraftanstrengungen verdoppeln und verdreifachen. Wir müssen in jedem Genossen
das Bewußtsein für die Verantwortung der Partei vor der Arbeiterklasse wecken.
Das erfordert, daß jede B[ezirks]l[eitung] mit größter Gründlichkeit,
ohne vor stundenlangen Erörterungen zurückzuschrecken, untersuchen muß,
welche Tatsachen im Leben des Proletariats zu verzeichnen sind, die in dieser
Situation für die Kampforganisierung, für die Überwindung des großen
Tempoverlustes, den wir in ganz Deutschland haben, ausgenutzt werden können.
Darüber hinaus müssen wir immer stärker, auch propagandistisch, unsere Kader
und die Massen auf die höheren revolutionären Aufgaben vorbereiten.
Wir müssen z.B. damit beginnen, den Massen klarzumachen, daß
auch der Streik, selbst der Generalstreik, nicht die höchste Kampfform der
Arbeiterklasse ist, sondern daß es darüber hinaus die höheren revolutionären
Formen des Kampfes um die politische Macht geben wird, auf die wir nach den
Beschlüssen des XII. Plenums die Massen vorbereiten müssen. Oder nehmen wir
die Frage des wehrhaften Massenkampfes gegen den blutigen faschistischen Terror.
Es ist klar, daß man heute die Frage nicht so stellen kann wie vor dem 30.
Januar. Gegenüber Überfällen auf Arbeiterhäuser, Parteihäuser,
Gewerkschaftshäuser, Arbeiterlokale und Wohnungen unserer Funktionäre oder
aber auch von solchen der SPD, des Reichsbanners und der Gewerkschaften, wobei
die Nazis mit dem Revolver und der Handgranate vorgehen, können wir nicht mit
Parolen und Protesten antworten. Hier müssen wir die Massen zu höheren Formen
der wehrhaften Massennotwehr, der geschlossenen aktiven Verteidigung des
Arbeiterlebens und Arbeitereigentums erziehen.
Das bedeutet keine Konzession an den individuellen Terror. Das
bedeutet erst recht keine Abschwächung des Kurses auf die
ideologisch-politische Offensive unter den nationalsozialistischen Werktätigen.
Im Gegenteil. Wir müssen durch unseren Kampf gegen die Hitlerregierung den
"Begeisterungstaumel" der ersten Tage bei manchen Teilen der Nazis
rasch überwinden und immer mehr differenzieren zwischen den aktiven,
terroristischen Landsknechten des Faschismus und den breiten Massen der werktätigen
Anhängerschaft der Nazis. Darüber hinaus müssen wir auch unter den SA-Leuten
eine entsprechende Tätigkeit zur Zersetzung dieser terroristischen Formationen
der Bourgeoisie entfalten.
Einige Worte zu den höheren Kampfaufgaben und höheren
revolutionären Losungen der Partei. Wie ihr wißt, haben wir im Kampf gegen die
Rechten und Versöhnler (15) unter den Bedingungen der relativen
Stabilisierung des Kapitalismus die Aufstellung eines besonderen
Aktionsprogramms und von Übergangslosungen, wie "Kontrolle der
Produktion" usw., abgelehnt. Unter den Bedingungen der relativen
Stabilisierung wären derartige Losungen lediglich der Nährboden für
opportunistische Illusionen und eine Abschwächung der revolutionären Linie der
Partei gewesen.
In dem Maße, wie wir mit dem steigenden revolutionären
Aufschwung stärker an die revolutionäre Krise herankommen, wird sich die Lage
für uns bezüglich der Aufstellung von Übergangslosungen verändern. Dann
werden die Voraussetzungen gegeben sein, mit solchen Übergangslosungen in ständiger
Steigerung die Massen unmittelbar zum Angriff auf den kapitalistischen Staat,
auf die bürgerliche Klassenherrschaft überhaupt zu leiten. Unsere Losung des
Kampfes für den Sturz der Hitlerregierung kann unter bestimmten Voraussetzungen
in den Kampf zur Beseitigung der bürgerlichen Klassenherrschaft überhaupt, in
den Kampf um die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse und
die Aufrichtung der proletarischen Diktatur übergeleitet werden. Das braucht
nicht so zu sein, aber es muß unsere ganze Aktivität und Anstrengung darauf
gerichtet werden, die Massen so rasch wie möglich an den Machtkampf heranzuführen.
In diesem höheren (16) revolutionären Kampfabschnitt können wir auf
bestimmte Aktionslosungen, die zwischen den bisherigen und den Übergangslosungen
liegen, sowie auf die Propagierung unserer Endziellosungen nicht verzichten.
Was bedeutet das? Von einer solchen revolutionären Perspektive
ausgehend, müssen wir erwägen, ob nicht in rascher Frist das Bedürfnis für
ein bestimmtes Kampfprogramm der Partei gegeben sein wird. Ein solches
Kampfprogramm müßte ausgehen von bestimmten Aktionsparolen, die für die
augenblickliche Situation Geltung haben, wie Beschlagnahme der Kohlenvorräte,
der Lebensmittelvorräte, Entwaffnung der faschistischen Terrorgarden usw. durch
die Massen selbst, also Teillosungen und Forderungen, die unmittelbar zu einer
Verschärfung des revolutionären Klassenkampfes führen und die Massen auf eine
höhere Ebene des Klassenkampfes bringen, Losungen, die zu unmittelbaren
Aktionen der Massen zwecks Realisierung ihrer Forderungen bei geeigneten
Gelegenheiten führen können und zugleich endgültig erst mit der Eroberung der
politischen Macht verwirklicht werden können.
Genossen! Wir als einzige sind die Einpeitscher des Kampfes
gegen die faschistische Konterrevolution. Wir müssen den Verzweifelten und Müden
den Weg zeigen. Wir müssen an der Spitze des kämpfenden Proletariats zum Sieg
des Sozialismus gelangen. Wir peitschen die Massen, die noch in den Reihen der
klassenfeindlichen Parteien stehen, auf, sich gegen ihre Führer zu empören und
sich in die revolutionäre Freiheitsfront einzureihen. Wir sind die einzige
Partei des Kampfes gegen den kapitalistischen Staat, wie wir die einzige Partei
sind, die die volksfeindliche Politik der kapitalistischen Regierungen
anprangert.
Zusammengefaßt, Genossen:
Eiserner Kurs auf die Sicherung der Partei und ihre Fortführung
trotz aller Anschläge des faschistischen Terrors!
Konzentration aller Kräfte auf die Entfaltung jeder Form des
Massenwiderstandes, der Massenaktionen und Massenkämpfe auf der Linie:
Demonstrationen, Streiks, Massenstreiks, Generalstreik gegen die faschistische
Diktatur!
Einheitsfrontpolitik zur Kampfmobilisierung in höheren Formen
mit kühner Initiative! Stärkster Kurs auf die Zerschlagung aller
parlamentarischen und demokratischen Illusionen, auf die Erziehung der Massen
zum außerparlamentarischen Massenkampf!
Höhere revolutionäre Aufgabenstellung, auch in Agitation und
Propaganda, zwecks Vorbereitung der Massen und Heranführung der Massen an den
Machtkampf, an den Kampf um die Arbeiter-und-Bauern-Republik!
Höchste Entfaltung der Masseninitiative, der eigenen Aktivität
und Selbständigkeit der unteren Einheiten und Leitungen!
Revolutionäres Selbstbewußtsein, Siegeszuversicht,
Angriffsfreude bei bolschewistischer Nüchternheit!
Das alles verwirklichen heißt: die faschistische Diktatur
schlagen und zerschlagen! Vorwärts in diesem Kampf! Erfüllt eure revolutionäre
Pflicht für den Sieg der deutschen Arbeiterklasse!
Quelle: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED,
Zentrales Parteiarchiv, NL 3/42.
Fußnoten:
1 Diese in einer Gaststätte bei Niederlehme - südöstlich
von Berlin - illegal durchgeführte Tagung war die letzte Plenartagung des ZK
der KPD, die im faschistischen Deutschland stattfand und an der Ernst Thälmann
teilnahm. Sein Referat nahm mehrere Stunden in Anspruch. Wie auf dem
Januarplenum 1931 und dem Februarplenum 1932 behandelte er umfassend die
Situation und alle wesentlichen Aspekte der Politik der KPD. Thälmann arbeitete
die jähe Wendung heraus, die mit der Errichtung der offenen faschistischen
Diktatur eingetreten war, gab aber bereits eine tiefgründige Analyse der
grundlegenden Widersprüche und Schwächen dieses Regimes. Aus dieser Analyse
leitete er sowohl die nächsten als auch die langfristigen Aufgaben zur Bekämpfung
der Hitlerdiktatur ab, wobei er die Fragen des Massenkampfes, der Einheitsfront-
und Bündnispolitik betonte. Er vertiefte die Behandlung der unmittelbaren
antifaschistischen Kampfaufgaben, unterstrich deren relative Selbständigkeit,
und er beleuchtete die Fragen des Weges zur politischen Macht der Arbeiterklasse
differenzierter, als es bis dahin geschehen war. Insofern entwickelte das
Referat nicht nur eine Orientierung mit weiter Perspektive, sondern auch Überlegungen,
die sich in die geistige Vorbereitung des VII. Weltkongresses der
Kommunistischen Internationale und der Brüsseler Konferenz der KPD einfügen.
Ein Manuskript oder Stenogramm der Rede wurde bisher nicht
aufgefunden. Es sind lediglich jene Auszüge unbekannter Herkunft enthalten, die
von der Nazijustiz in die Anklageschrift gegen Ernst Thälmann aufgenommen
worden sind. Ihre - vollständige - Wiedergabe erfolgt nach der Abschrift, die
Ernst Thälmann von dieser Anklageschrift anfertigte. Vorkommende
Auslassungszeichen (...) sind so in der Quelle enthalten. An einigen Stellen
haben die Verfasser der Anklageschrift Bemerkungen über den Inhalt der nicht
aufgenommenen Teile des Referats eingefügt. Der informative Gehalt dieser
Bemerkungen wurde in Anmerkungen wiedergegeben, da er wesentliche Rückschlüsse
auf den vollen Inhalt des Referats zuläßt.
2 Im Referat folgte eine Darstellung der Entwicklung während
der Regierung des Generals v. Schleicher (Dezember 1932 / Januar 1933).
3 An diesem größten Streik des Jahres 1932 vom 3. bis 7.
November beteiligten sich rund 22.000 Arbeiter. Er richtete sich gegen einen
angekündigten Lohnabbau und wurde von der Revolutionären
Gewerkschaftsopposition (RGO) vorbereitet und in bestimmendem Maße geführt.
Obwohl die Lohnsenkung nicht verhindert werden konnte, erlitt die
Papen-Regierung durch den Streik eine schwere politisch-moralische Niederlage.
4 Ernst Thälmann bezieht sich hier auf die faschistischen
Regimes in Bulgarien und Jugoslawien.
5 Das XII. Plenum des EKKI, das vom 27. August bis 15.
September 1932 stattfand, sollte ursprünglich schon früher zusammentreten.
6 Im Referat folgte eine Betrachtung der Vor- und
Nachteile, die sich für die Hitlerregierung ergaben.
7 In der Anklageschrift: Einheitsfronttaktik.
8 Die Tagung des ZK der KPD, die vom 20. bis 23. Februar
1932 stattfand, war eine der bedeutensten Beratungen der Parteiführung der KPD
Anfang der dreißiger Jahre. An ihr nahmen außer den Mitgliedern des
Zentralkomitees zahlreiche weitere Funktionäre teil, ferner auch Vertreter von
acht Bruderparteien.
Ernst Thälmann analysierte in seinem Referat besonders
aufmerksam das politische Kräfteverhältnis und die Möglichkeiten, es
zugunsten der Arbeiterklasse zu verändern. Er verlangte von der Partei, den
Kampf gegen den Hitlerfaschismus an allen Fronten entschieden zu verschärfen,
und wies nach, daß das Hauptkettenglied dieses Kampfes eine elastische
Einheitsfrontpolitik sein müßte.
9 Die 3. Parteikonferenz der KPD tagte vom 15. bis 18.
Oktober, an ihr nahmen 216 Delegierte aus den Parteizellen sowie die
Bezirkssekretäre, Redakteure, Abteilungsleiter im ZK und die übrigen
Mitglieder des ZK teil. In der Diskussion sprachen 57 Teilnehmer, die meisten zu
Erfahrungen der Streikbewegung, die zu entwickeln der KPD und der RGO im
September / Oktober 1932 gelang und mit der der Versuch der Papen-Regierung
vereitelt wurde, das Tarifrecht zu vernichten.
10 Auf diese Problematik wurde im Referat noch weiter
eingegangen, unter anderem auf die geringe Zahl von Streiks.
11 W. I. Lenin: Die Entwicklung der revolutionären
Streiks und der Straßendemonstrationen. In: Werke, Bd. 18, Berlin 1974, S.
469/470.
12 Im Referat folgten nun Ausführungen über die
Einheitsfrontpolitik.
13 Durch die Notverordnung der Brüning-Regierung vom 5.
Juli 1931 wurde der freiwillige Arbeitsdienst - besonders für jugendliche
Erwerbslose - eingeführt, dessen Umwandlung in eine Arbeitsdienstpflicht die
Nazis erstrebten und 1935 vollzogen. Als Zuchthauslager bezeichnet Ernst Thälmann
die zunehmend militarisierten Lager des "freiwilligen
Arbeitsdienstes"; als Zwangsarbeit die laut Arbeitslosenversicherungsgesetz
von 1927 durch jugendliche Erwerbslose unter 21 Jahren und Empfänger von
Krisenunterstützung zu stark untertariflicher Entlohnung zu leistende
"Pflichtarbeit".
14 Dieser Satz ist in der Abschrift Ernst Thälmanns nicht
enthalten, nur in der Anklageschrift.
15 Im Jahre 1928 war in der KPD eine Gruppe mit
rechtsopportunistischen Auffassungen aufgetreten. Diese Rechten bestritten, daß
die kapitalistische Stabilisierung zu zerfallen begann und eine Wirtschaftskrise
bevorstand, daß die Kriegsgefahr zunahm und die deutsche imperialistische
Bourgeoisie immer aggressiver auftrat und sich immer mehr auf einen Rechtskurs
orientierte; sie faßten vielmehr die zeitweilige Stabilisierung des
Kapitalismus als dessen dauerhafte Festigung auf. Davon ausgehend wandten sie
sich gegen die Orientierung der Partei auf die Vorbereitung und Führung von
Massenkämpfen durch die Kommunisten, suchten der Partei reformistische Losungen
aufzudrängen und waren faktisch bereit, die Arbeiterklasse dem Einfluß und der
Führung der rechten Sozialdemokratie zu überlassen.
Die Auseinandersetzung mit den rechtsopportunistischen
Auffassungen und Kräften in der KPD wurde durch Vertreter einer versöhnlerischen
Haltung erschwert, die die Tragweite der Veränderungen der Lage nicht erkannten
und die Notwendigkeit der Einheit und Geschlossenheit der Partei auf dem Boden
des Marxismus-Leninismus unterschätzten.
16 In der Quelle: erhöhten.